Presse über EZAF

Presse über EZAF:

taz 02.11.2006

"Ich fühle mich beleidigt"
Heute startet "Borat", der neue Film von Sacha Baron Cohen ("Ali G."), in den deutschen Kinos. Borat, der fiktive kasachische TV-Reporter, diskriminiert alle: Juden, Frauen, Amerikaner - und Zigeuner

INTERVIEW DANIEL WIESE

taz: Herr Knudsen, was haben Sie gegen den Film "Borat"?

Marko D. Knudsen: Also erst mal finde ich die berühmt-berüchtigte Jeep-Szene sehr Magenschmerzen-produzierend.

Sie meinen die Szene, in der Borat einen Autoverkäufer fragt, was passiert, wenn er mit seinem Jeep in eine Gruppe Zigeuner fährt?

Nicht ganz. Er fragt, ob sein Jeep kaputtgeht, wenn er in eine Gruppe Zigeuner fährt, weil er sich dafür den Wagen kaufen möchte. Und im Film hat die Szene noch einmal eine stärkere Wirkung, weil er nachfragt, wie schnell er fahren müsste, um die Zigeuner wirklich totzufahren. Und wenn zu Gewalt aufgefordert wird, hört für mich Humor auf.

Die Figur Borat ist voller rassistischer Vorurteile …

Da haben Sie Recht.

… aber muss man das so furchtbar ernst nehmen?

Wir sehen in dem Film stärker die Diskriminierung gegen uns, weil die anderen Opfergruppen, mit denen er Scherze macht, in dem Film auch als Personen auftreten. Die Juden oder auch die Feministinnen kriegen da ein Gesicht, und in diesen Szenen wird Borat dann selber zum Idioten. Darum regen sich diese Gruppen vielleicht auch nicht auf. Aber wir haben das Problem, dass er mit Gewalt gegen Roma und Sinti versucht, Scherze zu machen.

Borat ist doch eine Witzfigur.

Aber nicht jeder kennt ihn. Und wenn der Trailer mit der Jeep-Szene unkommentiert im deutschen Fernsehen läuft, weiß die Mehrheit der Bevölkerung nicht, was sie damit anzufangen hat. Was soll damit bewirkt werden? Dass der Begriff "Zigeuner" wieder gesellschaftsfähig wird? Oder dass Gewalt gegen Roma bagatellisiert wird?

Aber wenn klar ist, dass Borat eine Witzfigur ist, kann man doch dem Film nicht unterstellen, dass er diese Ansichten propagiert.

Gut, aber ich kenne den Humor von Sacha Baron Cohen schon seit Jahren. Borat ist ja auch keine neue Figur, er hatte den schon früher in seiner Sendung eingesetzt. Aber da war dieser Charakter nie so offen rassistisch und fremdenfeindlich. Die Frage ist, was wollen wir erreichen? Sollen Zigeunerwitze wieder auftauchen in einem Europa, in dem unsere Leute tagtäglich erschlagen, diskriminiert, verfolgt werden? Das ist geschmacklos.

Sie glauben, dass Sacha Baron Cohen diese Einstellungen wirklich vertritt?

So weit möchte ich nicht gehen. Er wollte einfach einen albernen Charakter schaffen. Aber dass eine große politische Motivation dahinter ist, dass sich die Gesellschaften mit Rassismus und Diskriminierung auseinander setzen, das bezweifle ich.

Na ja, der Film zeigt einen Typen voller Vorurteile. Er kommt aus einem finsteren Land, und er ist ein bisschen bescheuert. Eigentlich wird diese Figur in dem Film doch denunziert.

Wie wollen Sie dann erklären, dass Cohen so massiv über Zigeuner herzieht und auf der anderen Seite den Anfang, der eigentlich in Kasachstan spielen soll, in einem Roma-Ghetto dreht, in dem er die Roma auf Englisch beschimpft? Die verstehen davon kein Wort! Ich bezweifle sehr, dass unsere Community dort wusste, was Cohen vorhatte.

Eigentlich müssten sich dann aber doch die Kasachen beleidigt fühlen. Und die Amerikaner, weil er sie als Menschen mit dumpfen Einstellungen vorführt.

Ich kann nur sagen, wovon ich mich beleidigt fühle. Und diese öffentliche Kampagne ging für uns zu weit. Wenn ich lese, dass Cohen Werbung für einen witzigen Film macht, und dann steht auf der Internetseite, "willst du schöne Goldschmuck haben, kannst du nehmen aus Mund von tote Zigeuner", kriege ich eine Gänsehaut.

Natürlich ist das geschmacklos. Die Frage ist doch bloß, ob der Film das nicht implizit selbst verurteilt, indem er diese Figur Borat so absurd darstellt.

Das ist allerdings die Frage! Wie absurd ist dieser Charakter für Zwölfjährige, die mit Ressentiments gegen Sinti und Roma aufwachsen? Deswegen mussten wir reagieren. Das dürfte speziell in Deutschland mit seiner NS-Vergangenheit nicht als Scherz durchgehen.

Spiegel 02.11.2006

Streitfall "Borat"
Vom Witz zur Justiz

Von Anne Meyer-Gatermann

Kein Spaß: Das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung hat gegen "Borat"-Darsteller Sacha Baron Cohen Strafanzeige erstattet. Auch Fernsehsender, die Werbespots zu dem Film ausgestrahlt haben, und "Welt.de" sollen sich vor Gericht verantworten.

Hamburg – Ob Sacha Baron Cohen in seinem aktuellen Film "Borat" tatsächlich zu weit gegangen ist – darüber wird bald ein Gericht befinden. Die Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigte gestern gegenüber der dpa, dass gegen Cohen und die Filmproduktionsfirma Twentieth Century Fox in Deutschland Strafanzeigen vorliegen. Das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung geht außerdem juristisch gegen die Fernsehsender RTL, Sat1, ProSieben und MTV vor, weil sie Werbespots zum Film ausgestrahlt haben. Auch die Internetseite "Welt.de" soll sich vor Gericht für ein Interview mit dem "Borat"-Darsteller verantworten.

Komiker Cohen in der Rolle des "Borat": Angezeigt in Hamburg
Während Cohen-Fans in die deutschen Kinos strömen, ist das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung in Hamburg nicht amüsiert. Die wissenschaftliche Einrichtung versteht sich als Prüfstelle für rassistische Äußerungen gegen Sinti und Roma.

Deren Vorsitzender Marko D. Knudsen beanstandet in erster Linie die "Jeep-Szene" im Werbetrailer zum Film: Darin erkundigt sich der kasachische Borat bei einem Autohändler, ob ein Hummer-Jeep beschädigt werde, wenn er in eine Gruppe "Zigeuner" fahre. Weil nicht jeder die fiktive Figur "Borat" kenne, würden die Filmausschnitte suggerieren, es handele sich um eine reale Szene, sagte Knudsen zu SPIEGEL ONLINE. Er wirft dem Darsteller und seiner Produktionsfirma unter anderem Beleidigung und Aufrufe zur Gewalt gegen Sinti und Roma vor. Darüber hinaus verstoße das Wort "Zigeuner" gegen das Gleichbehandlungsgesetz.

Die Produktionsfirma Twentieth Century Fox hat bereits reagiert: In einer Pressemitteilung zitiert das Zentrum einen Brief, in dem die Produktionsfirma versichert, dass sie sowohl von der Internetseite www.borat.de als auch aus Trailern im Internet und Fernsehen "Elemente, von denen sich die Volksgruppe Sinti und Roma beleidigt fühlen könnte" entfernt habe. Allerdings könnten die strittigen Passagen aus den TV-Spots "aus technisch-organisatorischen Gründen" nur Zug um Zug erfolgen, "so dass spätestens mit Ablauf des Freitags keine solchen TV-Trailer mehr laufen werden", so eine Sprecherin der Fox. Man lenke ein, "um zu beweisen, dass wir das nicht aus Bosheit tun". An dem Film werden allerdings keine Änderungen vorgenommen, schließlich sei dies eine Satire.

Knudsen besteht jedoch weiterhin auf die Einschaltung der Staatsanwaltschaft. "Es ist ja trotzdem passiert, was passiert ist", sagte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wenn man zusammengeschlagen wird und der Täter sich hinterher entschuldigt – das reicht ja auch nicht."

Das Interview auf "Welt.de" hat nach Ansicht Knudsens journalistische Mängel. "Borat" werde wie eine reale Figur interviewt, was dem Darsteller ermögliche, "vermeintlich satirische, aber tatsächlich volksverhetzende, beleidigende und zu öffentlichen Gewalthandlungen aufrufende Äußerungen gegen Roma und Sinti zu tätigen." In dem Gespräch rühmt die Figur "Borat" ein kasachisches Hotel, in dem es ein Gehege gebe, "wo Kinder auf Eichhörnchen, Hunde und Zigeuner schießen können".

Oliver Michalsky, Redaktionsleiter von "Welt.de", findet die Klage des Vereins "albern". Die Rechstabteilung prüfe den Vorwurf, er sehe den Vorfall allerdings "ganz gelassen." "Welt.de" habe sich nichts zu Schulden kommen lassen, der Film sei eine Satire.

Auf die Frage, ob die Vorwürfe des Vereins gegenüber "Welt.de" die Pressefreiheit beeinträchtigten, reagierte der Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Hendrik Zörner, "zwiespältig". Prinzipiell gelte auch in Interviews der Deutsche Pressekodex. Das Wort "Zigeuner" müsse "eigentlich" vermieden werden. "Es kommt aber sehr darauf an, wie der Satz zu interpretieren ist." Insgesamt enthalte das Interview jedenfalls "problematische Äußerungen."

netzeitung.de 20.10.2006

Deutsche Sinti und Roma zeigen «Borat» an

'Borat' in der Kritik (Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Sacha Baron Cohen alias Ali G. bekommt nun auch in Deutschland Ärger wegen seines neuen Films 'Borat'. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Volksverhetzung gegen ihn.
Für Freunde der politischen Korrektheit ist «Borat», der neue Film des britischen Komikers Sacha Baron Cohen tatsächlich eine Zumutung: Darin spielt der auch als Ali G. bekannt gewordene Comedian den kasachischen Reporter Borat Sagdiyev, der seine Heimat naiv und unermüdlich als Hort von Aberglauben, Inzest, politischer Unterdrückung und Antisemitismus darstellt. Kasachstan selbst hatte wiederholt gegen seine Darstellung in der Satire protestiert, nun gibt es auch Kritik aus Deutschland.

Das in Hamburg ansässige Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung behauptet nämlich, dass der am 2. November in Deutschland startende Film zu Gewalt gegen die Roma und Sinti aufrufe.
Jeep contra Zigeuner
Deshalb hat die Organisation nach eigenen Angaben Strafanzeige gegen den Hauptdarsteller und Produzenten, die Filmfirma Twentieth Century Fox und gegen den Webspaceprovider eingereicht. Unter anderem werden «Borat» Volksverhetzung und Beleidigung vorgeworfen. Dabei stoßen sich die Verfasser rund um Marko Knudsen, den Vorsitzenden der Organisation, unter anderem an Scherzen wie diesen:

So fragt Borat, der sich auf eine Reise durch die von ihm bewunderten USA aufmacht, einen Autoverkäufer, ob der von ihm begehrte Hummer-Jeep Schaden nehmen würde, wenn man damit in eine Gruppe Zigeuner fahren würde.

An anderer Stelle wird eine dunkelhaarige Frau, die gerade ihr Haus ausräumt und mit dem angefallenen Krimskrams einen kleinen Flohmarkt betreibt, von ihm herrisch als Zigeunerin angesprochen.

Die Staatsanwaltschaft in Hamburg untersucht die Anschuldigungen und wird entscheiden, ob der Fall vor Gericht verhandelt wird. Neben Klischees über Zigeuner greift «Borat» übrigens auch Stereotype über Juden auf. Pikantes Detail: Der 35-jährige Brite, der als Möchtegern-Rapper Ali G. und «Da Ali G. Show» bekannt wurde, ist selbst Jude.(nz)

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