Kurzdarstellung

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Kurzdarstellung Europäisches Zentrum für Antiziganismusforschung e.V. (EZAF)
29. Juli 2011 um 21:49
Europäisches Zentrum für Antiziganismusforschung e.V. (EZAF)

Kurzdarstellung

EZAF ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die das Ziel verfolgt, antiziganistische Einstellungen und Handlungen in den Ländern, in denen Angehörige des Sinti- und Roma-Volkes leben, mit den Mittel der wissenschaftlichen Analytik systematisch zu untersuchen.

Während der Judenhass, die Verfolgung und Vernichtung der Juden, alter und neuer Antisemitismus seit längerem eine vergleichsweise große öffentliche Aufmerksamkeit und eine breite wissenschaftliche Aufarbeitung erfahren, kann dies von der Einstellung gegenüber der Sinti- und Roma-Minderheit nicht in gleicher Weise gesagt werden.
Antiziganistische Vorurteile sind in weiten Bereichen der Bevölkerung, aber auch in den Medien und den gesellschaftlichen Institutionen weiterhin unaufgeklärt und manifest verankert. Sie werden in aller Öffentlichkeit ungefiltert geäußert.
Es handelt sich offensichtlich um eine mentale und handgreifliche innergesellschaftliche Feinderklärung.

Der Antiziganismus ist ein eigentümliches Phänomen ohne eine wirklich reale Basis.
Ist er ein Rassismus?
Sinti und Roma sind (wie übrigens auch die Juden) keine Rasse.
Ist er vergleichbar mit dem Antisemitismus, der sich u.a. religiös motiviert?
Roma und Sinti sind jedenfalls im deutschen Sprachraum in der Regel gläubige Christen.
Kann Ausländerfeindlichkeit als Synonym für Antiziganismus gelten?
Sinti siedeln seit dem 15. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum. Roma sind später hier heimisch geworden. Sie sind keine Ausländer.

Auf der Basis eines in den bürgerlichen Schichten und in der akademischen Welt weit verbreiteten Rassismus haben Wissenschaftler unter dem Signum der „Zigeunerforschung“ in der Zeit des Nationalsozialismus mit offenbar reinem Gewissen und „wissenschaftlichen“ Anspruch diskriminierende „Ermittlungen“ über Menschen – zuweilen auch unter Polizeischutz – empirisch erhoben und damit der brutalen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik zugearbeitet.

Angesehene Wissenschaftler lieferten das Gedankenmaterial für eine verantwortungslose Politik, die dann diese Vorgaben praktisch umsetzte, wobei nicht selten wiederum akademisch gebildete Täter (viele mit Doktortiteln) auch – z.B. als Referenten im RSHA oder gar als Kommandeure der sog. Einsatzgruppen – selbst mit Hand anlegten.

Auch im demokratisch verfassten Nachkriegsdeutschland wurden Diskriminierung und Verfolgung der Roma und Sinti – zuweilen von den gleichen Personen und Ämtern, die für die Naziverfolgung verantwortlich gewesen sind - , weiter betrieben.

Aus diesen Erfahrungen haben wir gelernt.

Die historisch reflektierte und wissenschaftsphilosophisch begründete ethische Haltung der Wissenschaftler/innen des EZAF orientiert sich an der Grundentscheidung, nicht über Roma und Sinti, auch nicht für sie, sondern mit ihnen zu forschen

Im EZAF forschen Nicht-Roma-Wissenschaftler/innen und Roma-Wissenchaftler/innen kooperativ an gesellschaftlichen Problemstellungen, die an den Schnittpunkten des Zusammentreffens der Sinti- und Roma-Gemeinshaft mit den gesellschaftlichen Institutionen (Schule, Polizei, Justiz, Verwaltung, Medien u.a.) entstehen.

Wer nicht über Menschen oder für sie, sondern mit ihnen (den Betroffenen) forscht, steht nicht außerhalb, oberhalb, unter oder neben seinem Forschungsobjekt, sondern mitten in ihm. Er betreibt soz. eine Forschung aus der Mitte heraus, dessen Teil er selbst ist.
Der „Gegenstand“ der Forschung ist keine feste Größe mit erkennbarer Wahrheit, sondern ein komplexes bewegliches Ensemble des Zusammenspiels von Individuen und materiell-institutionellen Bedingungen. Hier entstehen keine Antworten sondern Fragen, die zu neuen Fragen führen.

EZAF ist auch eine Bildungsstätte für Junge Männer und Frauen aus der Sinti-und Roma-Gemeinschaft, die in die Untersuchungen als Experten ihrer je individuellen und kollektiven Erfahrung (in und mit der Schule, mit der Verwaltung, in den Überlieferungen des Familiendiskurses, mit der Polizei, in der Darstellung der Medien) mit einbezogen und zugleich zu Interviewern im Kreis der ethnischen Minderheit ausgebildet werden.
Die Untersuchungen in den gesellschaftlichen Institutionen (Schule, Polizei, Verwaltung, Medien etc.) werden von den EZAF-Wissenschaftlern durchgeführt.

Forschungsergebnisse werden informativ in den jeweiligen öffentlichen Diskurs mit der Intention eingespielt, in den Zivilisierungsprozess der Gesellschaft einzugreifen

EZAF arbeitet mit (universitären und außeruniversitären) wissenschaftlichen Institutionen und gesellschaftlichen Organisationen europaweit zusammen, in der Absicht, Projekte zu initiieren, die die antidiskriminierenden Elemente in der Optik der institutionellen Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Sinti und Roma kenntlich machen.

Gefördert werden darüber hinaus politische Initiativen, die aktiv daran mitwirken, die kulturelle Identität des Roma- und Sinti-Volkes einerseits zu stützen und andererseits zugleich den gesellschaftlichen Integrationsprozess positiv zu begleiten.

Allgemeines Ziel von EZAF ist es, das Verständnis dafür zu wecken, dass Minderheiten in einer Gesellschaft keine existentielle Bedrohung sondern eine kulturelle Bereicherung darstellen können.